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Was ich nicht verstehe, kann sehr wohl Absicht sein. Daher will ich es einmal positiv formulieren. Unser politisches System stabilisiert sich umso mehr, je weniger Menschen Interesse daran zeigen. Da es keine Wahlpflicht gibt, kann die Zahl der politischen Akteure ihre Macht umso freizügiger entfalten, je weniger Menschen ihre Stimme abgeben. Die Wahlbeteiligung hat keinen Einfluss auf das Ergebnis. Wer der Politik den Rücken kehrt, stabilisiert das System, solange nur die Zufriedenen wählen gehen. Wenn alle Menschen wählen gehen würden, könnte das die etablierten Parteien empfindlich schwächen. Je weniger Menschen wählen gehen, desto stabiler sind die Verhältnisse. Unsere Demokratie lebt eben nicht vom Mitmachen, sondern von der Enthaltung.

Ein hypothetisches Beispiel mag zeigen, was ich damit meine. Angenommen alle Bürger würden sich der Wahl enthalten und nur die Kanzlerin und ihre Bundestagskandidaten würden wählen gehen. Natürlich gibt es keinen Grund, an das Eintreten eines solchen Szenarios zu glauben. Aber theoretisch würde es bedeuten, dass eine Stimme in jedem Wahlkreis genügen würde, um einer Regierung 100 Prozent Zustimmung zu verschaffen. Diese Regierung hätte alle verfassungsmäßigen Rechte, die Unzufriedenheit der Nichtwähler mit legalen Mitteln zu unterdrücken. Wo notwendig, könnte sie die Verfassung ändern. Sie wäre legitimiert, könnte weiter Steuern erheben und sich auf eine nominelle Mehrheit berufen, ohne dass dies mit den Tatsachen oder dem Willen der Bevölkerung das Geringste zu tun hat. Dennoch müsste sie sich nicht dem Vorwurf aussetzen, sie sei undemokratisch. Schließlich wäre sie mit einer überragenden Mehrheit gewählt worden.

Auch das Profitstreben, das angeblich der Motor unserer wirtschaftlichen Bemühungen ist, offenbart Paradoxien. Rein theoretisch wäre es möglich, ein virtuelles System ohne Konsumenten zu errichten. Es diente einfach der Spekulation mit Werten, völlig unabhängig vom Nutzen oder Sinn der Produkte oder der gesamten Aktivitäten.  Dieses Finanzsystem würde solange funktionieren, bis abgesehen von einem Teilnehmer oder einer kleinen Gruppe alle anderen pleite wären. Dann wäre das Profitstreben an sein Ende gekommen und den verbliebenen Teilnehmern bliebe die Leibeigenschaft oder die Sklaverei. Sie könnten sich auch zu Banden zusammenschließen oder als Selbstversorger leben. Es gibt es keinen Grund anzunehmen, dass Profitstreben eine Gesellschaft stabilisiert oder ihr Wohlstand beschert. Tendenziell führt Profitstreben dazu, das Ungleichgewicht einer Gesellschaft zu vergrößern, was die Neigung zu Gewalt und Aufruhr verstärkt.

Zugegeben, das ist alles viel zu extrem und zu ausschließlich gedacht. Es sind ja nur Gedankenexperimente. Allerdings kann man vereinzelt auch in der Praxis studieren, dass es sich hier nicht um rein hypothetische Überlegungen handelt. Man muss nur einen Blick auf alte amerikanische Industriestädte werfen, die einem Strukturwandel ausgesetzt waren. Baltimore zum Beispiel: Dort findet man sowohl extreme ökonomische Ungleichgewichte, als auch bezogen auf bestimmte soziale Gruppen völlige Wahlenthaltung. Dennoch sehen weder die Akteure der Wirtschaft noch die Politiker einen Grund, an der Legitimität ihres Handelns oder der Richtigkeit des Systems zu zweifeln. Sie geben die Schuld den Verlierern und bekämpfen sie. Auch das ist Demokratie.

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