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Der Schreiber sagt etwas über sich  selbst, andere und die Sprache.

Der Schreiber sagt etwas über sich selbst, andere und die Sprache.

Die deutsche Sprache ist voller Redundanzen. Der Grund dafür ist eine elaborierte Grammatik und eine lange Tradition. Ein einfaches Beispiel zeigt, was das in der Praxis bedeutet:

Beispiel:

Der müde Herr Meier geht mit seinem Hund spazieren. (männlich)
Die müde Frau Meier geht mit ihrem Hund spazieren. (weiblich)

Das natürliche Geschlecht ist in einem Satz bei einem Geschlechtsunterschied dreimal gekennzeichnet. Durch den bestimmten Artikel, die Anrede und das Possessivpronomen. Das ist auffällig. Insofern ist es verständlich, wenn die gesellschaftliche Geschlechterdiskussion (Gender Mainstreaming) vor der Sprache nicht haltmacht. Zumindest die Anrede „Herr“ oder „Frau“ und die verbunden Pronomen sind in diesem Beispiel durchaus real und nicht allein grammatisch bedingt.

Um eine geschlechtsneutrale Sprache frei von jeder Diskriminierung zu pflegen, müsste auch die Sprache neutralisiert werden:

Müder Mensch, Mann, geht mit Hund, sein Besitz, spazieren. (männlich)
Müder Mensch, Frau, geht mit Hund, sein Besitz, spazieren. (weiblich)
Müder Mensch, Transgender, geht mit Hund, sein Besitz, spazieren. (geschlechtsneutral)

Grammatisch betrachtet, ist das Ergebnis unbefriedigend. Es verstößt gegen zwei grundlegende Prinzipien der Sprache:

Die gute Form: Sperrsätze, Verdoppelungen, unzulässige Vereinfachung statt einfacher grammatisch richtiger Sätze, aber geschlechterneutral.

Sprachökonomie: Im zweiten Beispiel stehen zwar nicht mehr Worte, aber die Bedeutungsunterscheidung erfolgt getrennt vom Substantiv, sodass die Satzstruktur tendenziell aufgelöst wird.

Ein weiteres Beispiel zeigt, wo die Problematik liegt:

Müde Menschen führen Hunde spazieren.
Müde Frauen und Männer führen Hunde spazieren.

Die dritte Person Plural zeigt deutlich, dass Geschlechterunterschiede nur die persönliche Anrede betreffen und die dritte Form Singular. Wobei „Du“ und „Sie“  an sich geschlechtsneutral sind. Problematisch sind Personalpronomen nur dann, wenn es um Anredeformen geht, die über die einfache Ansprache hinausgehen. Das betrifft die förmliche Ansprache nach Titeln.

Die These, dass alle Geschlechterzuweisungen der Grammatik, im Sinn des natürlichen Geschlechts zu verstehen sind, ist falsch. Die Grammatik unterscheidet zwischen einem natürlichen Geschlecht und einem grammatischen Geschlecht. Insofern enthält das Wort „der Mensch“ keine Geschlechterzuweisung. Der Artikel ist konventionell zu verstehen. Die dritte Person Plural „die Menschen“ enthält an sich keinen Hinweis mehr auf das eine oder andere Geschlecht.

Die Argumente der Verfechter des Gender Mainstreaming erinnern an die Sprachkritik der Sozialisten/Kommunisten. Dieser Vergleich ist zunächst rein historisch. In der ehemaligen DDR redete man sich als Genosse an. Geschlechterunterschieden war hier lediglich das Suffix: Genosse/Genossin. Die Ansprache „Herr“ oder „Frau“ galt als bürgerlich.

Je mehr man die Problematik vertieft, desto schwieriger wird es, ohne die Frage nach dem Konnotat, also der Wertung des grammatischen Geschlechts auszukommen. Denn die Frage nach der richtigen Anrede ist ambivalent. Sie kann ebenso Zeichen der Anerkennung (positiv), der Diskriminierung (negativ) oder der Frage nach dem Status (ironisch) sein.

Dieses Problem stellt sich in der Sprachpraxis eigentlich täglich, unabhängig von emanzipatorischen oder sozialen Fragen gleich welcher politischen Partei. Auch eine völlig veraltete Anredeform kann sowohl Respekt ausdrücken und der Sache gerecht werden. Sie kann aber auch abschätzig und despektierlich wirken:

Herr Professor führt müde seinen Hund spazieren.
Frau Professor führt müde ihren Hund spazieren.
Transgender Professor führt müde seinen Hund spazieren.

Diese Beispiel zeigt, dass eine Aussage grammatisch korrekt, veraltet, den Normen des Gender Mainstreaming genügen kann und wegen der übertriebenen Distanz ohne persönliche Anrede dennoch despektierlich erscheint.

Es gibt also eine ganze Reihe Aspekte, jenseits politischer Überlegungen, die eine Änderung der Sprache im Sinn der Geschlechterneutralität oder der richtigen Anrede problematisch erscheinen lässt.

Die Sprache erscheint wenig geeignet, Geschlechterdifferenzen oder Fragen der geschlechtlichen Identität zu klären. Einerseits hat sie bereits das Potenzial, den Zielen des Gender Mainstreaming gerecht zu werden, praktische Aspekte widersprechen diesem Anliegen, wenn vorhandene Sprachkonventionen durch unsinnige Verdoppelungen gekippt oder ad absurdum geführt werden.

Im Einzelfall können Sprecher und Empfänger im Interesse der Situation ebenso respektvoll wie korrekt durch eine individuelle Anrede der Gesprächssituation Rechnung tragen, ohne dass dabei ein Mensch diskriminiert wird. Geschlechter können problemlos auch im Plural unterschieden werden, wenn das sinnvoll ist.

Eine grundlegende Sprachreform würde lediglich zu neuen und missverständlichen Idiomen führen, was die Verständigung zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen ungleich erschweren würde.

Es ist zwar richtig, wenn Sprachkritiker des Gender Mainstreaming feststellen, dass die männliche Form in den europäischen Kultursprachen eine strukturelle Priorität hat. Im Umkehrschluss würde aber eine Umstrukturierung der Grammatik zum einen eine wirre oder verarmte Sprache erzeugen, mit Sicherheit aber keine Verbesserung der Sprache als Instrument bewirken. Wesentliche Prinzipien der Grammatik sind Sprachökonomie, Differenzierung und Form. Die Behauptung von Jaques Derrida, dass die Grammatik Herrschaftsverhältnisse durch Zuweisung von Geschlechtern abbildet oder diese zementiert, ist nicht belegbar. Kulturbedingt sind jeweils die Anredeformen und sprachliche Entitäten bzw. die Phraseologie, sowie Sprachverbote.

Es sollte also vollkommen genügen, sich der Problematik bewusst zu sein, um optional Umgangsformen oder Konventionen zu entwickeln, die allen Geschlechtern gerecht werden. Ein vertretbares Beispiel liefert der Leitfaden, den die Gleichstellungbeauftragte der Universität Potsdam, Frau Schrul, verfasst hat. – Mit der Einschränkung, dass auch sie nicht zwischen einem grammatischen und einem natürlichen Geschlecht unterscheidet.

Fazit: Die Möglichkeit spezifische Ziele des Gender Mainstreaming im Sprachgebrauch zu berücksichtigen, sind vorhanden, wobei sich die Frage stellt, ob die formale Geschlechterunterscheidung den Gefühlen und Bedürfnissen der Betroffenen in jedem Fall genügt oder ab das einfache „Sie“ und der Verzicht auf weitere Unterscheidungen besser ist, denn auch Konfliktsituationen können durch eine übertriebene Differenzierung der Sprache und der Geschlechterdifferenz hervorgerufen werden, ebenso wie ein prinzipielles Gendern viel Nonsens erzeugt.

Es wäre also wünschenswert, wenn das Gender Mainstreaming mehr auf dem Gebiet des Zivilrechts und des Verfassungsrechts stattfindet, als sich an den formalen oder strukturellen Problemen der jeweiligen Sprache abzuarbeiten. Ansonsten wäre es um den gesellschaftlichen Erfolg der Bewegung schlecht bestellt, sofern es darum geht, vernünftige Argumente zu formulieren oder berechtigte Ziele durchzusetzen. Soviel zum Trost: die Sprache ist weiblich.

Übertrieben erscheint eine zwanghafte Angleichung der Sprache, damit sie immer den Richtlinien des Gender Mainstreaming entspricht, besonders dann, wenn eine fragwürdige Konvention durch eine andere fragwürdige ersetzt wird.

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